Warum sind Menschen böse? Würden wir nicht viel besser leben, wenn alle Menschen gut wären? Die biblische Erklärung mit der Schlange scheint auch nicht zu befriedigen. Selbst wenn man den Schöpfungsbericht symbolisch sieht. Also, wenn man gut und böse erkennt, dann muss man sich doch für das Gute entscheiden. Wäre zumindest logisch. Und warum soll gerade eine Schlange uns dazu verführt haben, vom Baum der Erkenntnis zu essen? Ich mag Schlangen.

Eine Schlange kaufen (auch als Lesung)mp3 (875 kb)

von Philipp Pulger


Neulich bin ich mit einem guten Freund in eine Tierhandlung gegangen. Mein Freund und ich wollten eine Schlange kaufen. Der Verkäufer schaute uns ganz entsetzt an. "Was, Sie wollen eine Schlange kaufen? Wissen Sie denn nicht, das Schlangen böse sind?" Nein, das wussten wir nicht. Außerdem mag ich keine abergläubischen Tierhändler. Denn das eine Schlange böse ist, ist reiner Aberglaube. Also gingen wir in die nächste Tierhandlung. Diesmal war der Verkäufer etwas freundlicher. Das heißt - er versuchte freundlich zu sein. "Eine Schlange wollen Sie kaufen. Ich glaube, Sie wissen, was Schlangenhaltung bedeutet. Ja, so schätze ich Sie ein. Sie müssen die Schlange in einem artgerechten und vor allen Dingen sicheren Terrarium halten. Außerdem essen Schlangen viel. Drei bis vier Mäuse am Tag sind keine Seltenheit." So eine Schlange wollten wir auch nicht kaufen. "Haben Sie denn keine genügsamen Schlangen?" fragte ich den Verkäufer. Nein, genügsame Schlangen ließen sich nicht verkaufen. Wenn jemand eine Schlange haben wollte, so wollte er eine gefräßige, böse Schlange. Ich mag genügsame Schlangen. Außerdem gibt es keine bösen Schlangen. Wir probierten noch ein paar Tierhandlungen durch, aber keiner konnte uns eine Schlange nach unseren Vorstellungen verkaufen. Ein Händler sagte sogar, er verkaufe keine Schlangen wegen seiner christlichen Überzeugung. Das veranlasste uns, einmal in der Bibel nachzulesen, was es mit der Schlange auf sich hatte.

Nachdem die Schlange Eva verführt hat, Adam zu verführen, mit ihr von besagtem Baum zu essen, passiert laut dem dritten Kapitel des Buches Genesis nämlich folgendes: "Gott sprach zur Schlange: »Weil du das getan hast [nämlich Eva verführt, Adam zu verführen, mit ihr von besagtem Baum zu essen] sollst du verflucht sein unter allem Vieh und unter allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.«" Ich glaube, Gott hat der Schlange mittlerweile verziehen. Schließlich darf die Schlange mittlerweile, wie die meisten Tiere, andere Tiere fressen. Wir Menschen haben der Schlange nicht verziehen. Sie ist unser Sündenbock, dafür, dass wir aus dem Paradies rausgeflogen sind. Doch zum Verführen gehören immer zwei. Einer, der verführt, und ein anderer, der sich verführen lässt.

Mein Freund und ich haben uns dann doch noch eine Schlange zugelegt. Das heißt, wir haben uns eine gefangen. Ich wusste gar nicht, dass es bei uns im Wald Schlangen gab. Die Schlange hat sogar ihr eigenes Zimmer gekriegt. Doch das mochte sie nicht. Sie ist immer ausgerissen. Irgendwann hat sie mich dann gebissen. Da haben mein Freund und ich die Schlange gefangen. Jetzt hängt sie ausgestopft im Wohnzimmer. Damit sie nicht mehr ausreißen kann. Und Schlangen sind doch böse.

© Philipp Pulger


Anregungen? Kritik? Schreibt mir:

philipp.pulger@kurzes.de

startseite -kurzgeschichten - gedichte - texte - quickies - internet-literatur? - impressum - e-mail