Kälte

von Philipp Pulger


Es war tiefschwarze Nacht. Oder auch Tag. Das spielte in dieser Gegend, zu dieser Zeit keine Rolle. Auch tagsüber war es finster in dieser Gegend, zu dieser Zeit. Man sah vielleicht etwas mehr, aber das machte keinen Unterschied.

Ein einsamer Mann ging die Straße am Kanal entlang. Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte er vielleicht gemerkt, dass er verfolgt wurde, aber er hatte genug damit zu tun, seinen Weg zu finden, er konnte nicht nach hinten schauen. Langsam zog Nebel auf, was durchaus keine Seltenheit war, man hatte sich daran gewöhnt in dieser Gegend, zu dieser Zeit. Der Mann war auf dem Weg nach Hause. Aber was bedeutete das schon: "zu Hause"? Für ihn war es ein Unterschlupf, nicht mehr, nicht weniger. Geborgenheit und Wärme waren selten zu finden in dieser Gegend, zu dieser Zeit. Sein Verfolger schloss etwas näher auf, hätte der Mann sich die Zeit genommen, einen Moment innezuhalten, er hätte seinen Atem spüren können. Der Nebel wurde dichter, so spürte der Mann nur die beklemmende Kälte des kondensierenden Wassers. Der Mann ging weiter seinen Weg am Kanal entlang, hinter ihm, unbemerkt, sein Verfolger. Der Nebel lag dicht über dem Kanal, die verlorenen Seelen schienen emporsteigen zu wollen. Der Kanal hatte viele verlorene Seelen. Es gab viele Brücken und viele Anlässe, sein Leben zu beenden in dieser Gegend, zu dieser Zeit. Auch daran musste der Mann denken, doch das kam für ihn nicht in Frage. Er hatte Angst, Angst vor dem Tod. Anlässe genug hätte er gehabt, aber er hatte Angst. Viele hatten Angst. Der Mann war nicht alleine. Doch das konnte ihn nicht beruhigen, geschweige denn, ihn ermutigen. Er kam zu seinem Unterschlupf, sein Verfolger dicht hinter ihm. Es gab keine richtigen Häuser mehr, niemand hatte einen Grund gesehen, sie nach dem letzten Krieg wieder aufzubauen. Die Menschen lebten in den Trümmern, in Decken gehüllt, an Feuern, die sie vor dem Erfrieren bewahrten, die aber keine Wärme geben konnten.

Der Mann rollte sich in seine Decken neben einem fast erlischendem Feuer. Sein Verfolger stand an der anderen Straßenseite und beobachtete ihn. Plötzlich spürte der Mann seinen eisigen Blick. Er wusste nicht, dass er beobachtet wurde, wusste nichts von seinem Verfolger, doch er spürte Kälte. Eisige Kälte. Viel kälter war diese Kälte, viel kälter als er sie je erfahren hatte. Er rollte sich noch mehr in seine Decken, rückte etwas näher an sein kleines Feuerchen. Trotzdem spürte er immer noch den eisigen Blick des Mannes auf der anderen Straßenseite, der ihn verfolgt hatte. Doch er sah ihn noch nicht, spürte nur, wie es ihm kälter und kälter wurde. Er zog seine Decken über sein Gesicht, doch es half nichts. Die Kälte drang in seinen Körper ein, er konnte sich nicht dagegen wehren. Erschrocken fuhr er hoch. Er blickte um sich. Jetzt sah er den Mann, der ihn verfolgt hatte, sah, wie er langsam von der anderen Straßenseite langsam auf seinen Unterschlupf zukam. Er versuchte ein "Guten Abend" zu stammeln, aber seine Lippen schienen zugefroren. Jetzt sah er dem Fremden ins Gesicht. Eisige Kälte. Er wollte seine Blick abwenden, doch er war erstarrt. Angst und Panik wollten von ihm Besitz ergreifen, doch die Kälte drängte jedes Gefühl zurück. "Wer ist dieser Fremde?"

© Philipp Pulger


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