Erinnerungen im Winter

von Philipp Pulger


Draußen ist es kalt. Der Schnee fällt in großen Flocken gleichmäßig auf die Erde herab. Die Eisblumen im Fenster verzerren ein wenig das Bild des Waldrandes hinter dem Garten. Noch halten die Tannenzweige der weißen Last, die auf ihnen ruht, stand. Der Winter prägt die Landschaft mit majestätischer Ruhe. Eine Frau sitzt am Fenster und schaut in den Schnee. Im Zimmer ist es warm, das Kaminfeuer knistert leise vor sich hin. Ein süßer Duft von frischgebackenem Kuchen erfüllt den Raum.

Langsam steht die Frau von ihrem Platz am Fenster auf und geht in die Küche. Sie wirft einen zufriedenen Blick auf den Kuchen. Dann geht sie zum Küchenschrank und holt die alte Kaffeemühle und die Bohnen heraus. Frisch gemahlen schmeckt der Kaffee immer noch am besten. Behutsam füllt sie die Bohnen in die Mühle. Der Duft des frischen Kaffeemehls vereint sich friedlich mit dem Duft des Kuchens. Ach, jetzt hätte sie beinahe vergessen, das Wasser aufzusetzen. Sie geht an den Herd und entzündet die Gasflamme mit einem Streichholz. Dann der Topf mit Wasser.

Sie geht wieder ins Wohnzimmer zum Fenster. Es fällt jetzt mehr Schnee, und die Vorboten des Abendwinds schütteln die kleineren Tannen kräftig durch. Sie schaut auf die große Standuhr. Noch nicht vier Uhr. Es wird noch ein wenig dauern. Sie geht zur Vitrine und holt das gute Kaffeeservice heraus. Schließlich ist heute Sonntag. Sie deckt den Tisch und stellt zum Schluss eine neue Kerze in den Ständer. In der Küche fängt das Wasser an zu kochen. Die Frau nimmt den Topf vom Herd und stellt ihn neben die Kaffeekanne. Sie setzt den Filter ein und beginnt, den Kaffee aufzugießen. Erst das Kaffeemehl mit einer viertel Kelle etwas anbrühen. Dann die nächste Kelle. Warten, bis der das Wasser sich seinen Weg durch das Kaffeemehl gebahnt hat. Dann wieder eine Kelle. Und schließlich ist die Kanne voll.

Die Uhr im Wohnzimmer schlägt vier. Jetzt müsste er bald kommen. Sie geht ans Fenster. Immer noch weht ein kräftiger Wind. Doch der Schnee hat etwas nachgelassen, sie kann jetzt den Weg erkennen, der aus dem kleinen Waldstück zu ihrem Haus führt. Und dann sieht sie ihn. Mit kräftigem Schritt kommt ihr Mann aus dem Wald. Lächelnd geht sie in die Diele um ihren Mann an der Tür zu empfangen. Sie wartet. Schließlich hört sie, wie ihr Mann die Hintertür aufschließt. Sie läuft nach hinten. Ihr Mann ist gerade hereingekommen und zieht sich die Schuhe aus. "Herbert, wie siehst du denn aus" ruft sie erstaunt. Ihr Mann lächelt sie an. "Mein Schatz, die Else vom Hubert hat gekalbt. Und weil sein Sohn heute in der Stadt war, hat er mich als Geburtshelfer gebraucht." "Und das am Sonntag?" fragt seine Frau etwas vorwurfsvoll. "Das erzähl mal dem kleinen Kalb. Das hat noch nichts vom Tag des Herrn gehört. Und ehrlich gesagt, wenn ich gerade Lust hätte, noch mal geboren zu werden, würde ich mich auch einen Dreck um den Sonntag scheren." "Wie kannst du so etwas sagen! Jetzt beeile dich aber, der Kaffee wird sonst kalt."

"Der Kuchen war hervorragend" sagt Herbert, der gerade den letzten Schluck Kaffee getrunken hat. Die beiden räumen den Tisch ab. Die Frau spült, Herbert trocknet ab und bringt das Service wieder in die Vitrine im Wohnzimmer. Er stellt einen zweiten Sessel ans Fenster und schaut durch die Eisblumen hinaus in die weiße Winterlandschaft. Seine Frau setzt sich neben ihn und hält seine Hand. "War es kalt draußen?" "Nicht so warm wie es das Kalb bei der Else hatte. Aber man kann es aushalten. Ist es nicht schön, wie gleichmäßig der Schnee auf die Erde fällt?" Die beiden schauen aus dem Fenster, und der Schnee fällt in großen Flocken gleichmäßig auf die Erde.

Die Standuhr im Wohnzimmer schlägt acht. Noch immer fällt draußen der Schnee leise zu Boden. Der Wind ist heftiger geworden. Die Frau steht aus ihrem Sessel am Fenster auf. Sie geht zu der kleinen Marienstatue in der Ecke des Wohnzimmers. Sie zündet eine Kerze an und stellt sie in den Ständer unter der Statue. Sie spricht ein leises Gebet. Der Tag geht zu Ende, und wieder sind sie nicht zusammengekommen.

© Philipp Pulger


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