So ein Kartenhaus ist eine feine Beschäftigung. Es erfordert Geduld und Geschicklichkeit im Aufbau, Baumaterial ist lediglich ein Kartenspiel, und bei Nichtgefallen ist es leicht zu entsorgen.

Doch so ein Kartenhausbau kann einen schon zum Wahnsinn treiben, nämlich dann, wenn das gute Stück kurz vor seiner Vollendung zusammenbricht. Und das ist wohl eine der bestechendsten Eigenschaften eines Kartenhauses, seine Labilität.

Das Kartenhaus (auch als Lesung)mp3 (1517 kb)

von Philipp Pulger


Gestern saß ich in einem Café und wartete. Ich wartete schon etwas länger. Zuvor hatte ich die Leute beobachtet, die in dem Café ein- und ausgingen. Eine reizende Beschäftigung. Da war die ältere Dame, so etwa siebzig Jahre alt, die mit ihrem kleinen Hund - ich weiß nicht was für einer, ich kann mir keine Hunderassen merken - in der Handtasche in das Café kam. Sie setzte sich und bestellte ein Kännchen Kaffee. Als die Serviererin ihr den Kaffee brachte, sprang das kleine Tier auf das Tablett mit dem Kaffeekännchen und der Tasse. Beides flog vom Tablett, der Kaffee ergoss sich über die Serviererin, die alte Dame, den Tisch und den Boden. Nur der kleine Hund wurde verschont, er saß auf dem Tablett. Wohl etwas unter Schock stellte die Serviererin das Tablett mit dem Hund auf den Tisch der alten Dame und sagte: "Macht vier-neunzig, bitte." Die alte Dame sah sie verdutzt an, legte fünf Mark auf den Tisch, steckte den Hund in die Tasche und verließ das Café. Die Serviererin schaute ihr noch gut eine Minute nach, nahm dann das Geld, ging in die Küche und kehrte mit Aufnehmer und Eimer zurück.

Dann war da noch das junge Pärchen, beide vielleicht gerade zwanzig. Hand in Hand kamen sie in das Café. Sie setzten sich in eine Ecke des Cafés, die wohl nur von meinem Tisch aus einzusehen war. Sie plauderten ein wenig, dann kam die Serviererin und nahm ihre Bestellung auf. Wenig später brachte sie einen Cappuccino und einen Milchkaffee. Die beiden nahmen einen Schluck und begannen dann anschließend, sich intensiv in die Augen zu starren. Es war intensiver als nur ansehen, obwohl starren vielleicht etwas zu hart klingt.

Nach einer kleinen Ewigkeit stand der Junge auf und ging zur Toilette. Er hatte gerade die Tür hinter sich geschlossen, da stand auch das Mädchen auf, ging zum Tresen, bezahlte und verließ das Café. Als der Junge wiederkam, war er sichtbar verdutzt, das Mädchen nicht an seinem Tisch zu finden. Als er sich von dem kleinen Schock erholte, zuckte er mit den Schultern, wohl um zu zeigen, dass es ihm nichts ausmachte und um seine Unsicherheit zu verdecken, und setzte sich. Er trank einen Schluck von seinem Milchkaffee, und weil er nichts besseres zu tun hatte, begann er, ein Kartenhaus zu bauen.

Ich erschrak etwas, als mich ein älterer Herr ansprach: "Ist dieser Platz noch frei?" Ich blickte zu ihm auf, sah mich im Café um, und weil alle anderen Tische ebenfalls besetzt waren, bot ich ihm den Platz mir gegenüber an. Der Mann setzte sich und bestellte einen Kaffee. Und das in der Zeit, in der dieser Satz gelesen wird. Vollkommen unüblich für dieses Café stand die Serviererin nämlich schon an unserm Tisch, bevor der Mann sich ganz gesetzt hatte. Ebenso schnell, wie sie die Bestellung aufgenommen hatte, war sie wieder da. Neben dem Kaffee brachte sie dem Mann noch eine Tageszeitung. Also ein Stammgast, den ich jedoch nie zuvor gesehen hatte. Und so selten kam ich auch nicht in das Café.

Der Mann schlug die Zeitung auf und begann zu schimpfen. Vielleicht hat er zuerst einen Satz gelesen, aber ich würde behaupten, dass er zuerst schimpfte und dann las. Er sagte etwas von Rentenkürzung, sah mich an, brummte: "Davon verstehen Sie sowieso nichts." und las weiter. Ich würde behaupten, ein bisschen Gemeckere über Rentenkürzungen hätte ich schon verstanden, war aber nicht unglücklich, davon verschont zu bleiben. Einige Flüche später hatte der Mann das erste Blatt der Zeitung gelesen. Er faltete es sorgfältig zusammen, legte es vor sich auf den Tisch und bot mir den Sportteil an, der als nächstes an der Reihe war. Ich lehnte dankend ab. "Sie interessieren sich wohl nicht für Sport?" fragte er. "Doch, schon", antwortete ich, "aber in der Sommerpause sind die Artikel meist nicht sonderlich gut." Der Mann zuckte mit den Schultern: "Wenn Sie meinen." Dann begann er zu schimpfen, während er die Sportseite las. Als er fertig war, sagte er: "Sie hatten Recht. Nur Stumpfsinn. Schlecht geschrieben, uninteressant, einer Zeitung unwürdig." Ich war versucht, ihn zu fragen, ob er noch mehr vernichtende Kritik auf Lager hatte, im Hinblick auf den Lokalteil hielt ich mich allerdings zurück. Ich wollte den alten Herrn nicht unnötig reizen. Er faltete den Sportteil sorgsam zusammen, legte ihn auf den Hauptteil der Zeitung und begann, die Lokalseite zu lesen. Entgegen meinen Erwartungen schien ihm das richtig Freude zu bereiten. Er schmunzelte öfters, und ich glaube, ich habe sogar ein Lächeln in seinem Gesicht zu sehen bekommen. Keine Ahnung, was diesen Sinneswandel in ihm hervorrief, manche Menschen werden mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Er faltete auch den Lokalteil sorgfältig zusammen, legte die Zeitung ineinander und bezahlte seinen Kaffee bei der Serviererin. Die stand schon an unserem Tisch, seit der Mann begann, die Zeitung zu ordnen. Er gab ihr noch die Zeitung, nickte mir zum Abschied zu und verließ das Lokal. Ein Rätsel.

Für heute hatte ich genug gesehen. Und mein Freund schien die Verabredung platzen zu lassen. Vielleicht waren wir auch erst für morgen verabredet. Ich bezahlte und musste etwas länger warten als der alte Herr, aber nicht so lang wie sonst. Dann stand ich auf und ging Richtung Toilette. Vor dem Tisch, an dem der Junge gerade sein Kartenhaus vollendete, blieb ich stehen. Ich wartete, bis der Junge mich gesehen hatte. Ich lächelte ihn an. Dann trat ich kräftig vor den Tisch. Das Kartenhaus stürzte ein. Irgend jemand musste dem Jungen schließlich die Tatsachen vor Augen führen. Ich verließ das Café.

© Philipp Pulger (28.8.1999)


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