Der Lauf

von Philipp Pulger


Er musste nießen, als ein leiser Sonnenstrahl seine Nase kitzelte. Verschlafen wischte er sich mit seine rechten Hand zuerst über die Augen, dann über die Nase. Ohne zu blinzeln drehte er sich auf die Seite und vergrub seinen Kopf in sein Kissen. Wenige Momente später begann der Wecker zu piepen. Mit dem ersten Ton saß er aufrecht im Bett, mit dem zweiten Ton hatte er elegant seine Beine aus dem Bett geschwungen, mit dem dritten Ton stand er vor seinem Bett, einen vierten Ton gab es nicht.

Mit festem Schritt ging er ins Badezimmer. Die Sonne blendete ihn, als er in den Spiegel blickte. Er wusch sich den Schlaf aus den Augen. Seine Waschlotion war leer. Etwas unbeholfen suchte er nach einem Stück Seife. Im Schrank unter dem Waschbecken wurde er fündig. Nachdem er sich gewaschen und die Zähne geputzt hatte, stieg er auf die Waage. Keine Veränderung zum Vortag. War auch nicht zu erwarten.

Er ging in die Küche und trank einen Schluck Milch. Dann zog er sich eine kurze Hose und ein T-Shirt an. Beim Schnüren der Joggingschuhe dachte er kurz über die Strecke nach, die er laufen wollte. Er entschied sich für die längere Strecke, die etwas weniger Steigungen hatte. Leichtfüßig trippelte er die Treppe hinunter und trat vor die Tür. Seinen Nachbarn würdigte er mit dem Versuch eines freundlichen Nickens. Hätte der genau hin geört, hätte er auch das "Guten Morgen" verstanden.

Er lief los. Nach einigen Häuserblocks kam er an ein Feld. Die goldgelben Ähren wiegten sich im leichten Morgenwind. Er lief. Über dem Feld flogen ein paar Vögel, fast verspielt wirkte ihr Treiben. Er kam an einer großen Eiche vorbei, die majestätisch einsam am Rand des Feldes thronte. Ein kleines Waldstück lag vor ihm. Der lehmige Waldboden war noch etwas rutschig vom Regen des Vortages. Im Wald stritten sich zwei Vögel um ihr Revier. Ihr Pfeifkonzert erfüllte das ganze Waldstück. Er lief weiter.

Der Waldweg mündete in einen weiteren Feldweg. Nach einigen Metern wurde dieser zu einer Allee. Er hatte sich nie gefragt, warum plötzlich auf beiden Seiten des Weges Bäume standen. Er lief. Für solche Gedanken hatte er keine Zeit. Er blickte auf seine Uhr. Er war zwanzig Minuten gelaufen. Er überlegte, ob er das Tempo steigern sollte. Er fühlte seinen Puls. Er entschied sich, das Tempo beizubehalten.

Am Ende des Feldweges lag eine kleine Siedlung. So früh am Morgen war hier noch nicht viel los. Ein Auto fuhr gerade aus einer Einfahrt, der Fahrer war wohl auf dem Weg zur Arbeit. Hätte er darauf geachtet, hätte er gesehen, dass dem lila Haus, das ihn vor langer Zeit mit seiner Farbe gestört hatte, ein neuer Anstrich verpasst worden war. Aber das war belanglos. Er lief.

Er lief in eine junge Frau hinein. Sie war gerade vom Bäcker gekommen und hatte eine Tüte Brötchen in der Hand. Als sie fiel, fiel auch die Tüte und die Brötchen auf die Straße.

Er war etwas unschlüssig. Sollte er erst die Brötchen einsammeln oder ihr hochhelfen? Sie nahm im die Entscheidung ab, indem sie ihm ihre Hand reichte. Er zog sie hoch. Sie hatte wundervolle weiche Haut. Er hauchte ein "Entschuldigung". Sie sagte "Nicht so schlimm, ist ja nichts passiert" und lächelte ihn an. Zwei zauberhafte Grübchen umspielten ihren Mund, wenn sie lächelte. Gemeinsam sammelten sie die Brötchen ein. "Hast Du schon gefrühstückt?" Sie hatte dunkelblondes Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel. Er schüttelte den Kopf. Den kleinen Schluck Milch konnte wirklich keiner Frühstück nennen. "Ich lad dich ein. Hast du Lust?" Er nickte. Sie nahm ihn mit zu sich nach Hause. Als sie sich an ihrem Küchentisch gegenüber saßen, sagte sie: "Ich heiße übrigens Felicitas." Felicitas - die Glückliche. Heute war er der Glückliche.

Ja, so hätte diese Geschichte auch ausgehen können. Hätte er ihr nur hoch geholfen, anstatt "'tschuldigung" zu brummen und weiter zu laufen. Hätte er... So ein Idiot.

© Philipp Pulger (15.8.2000)


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