Kategorien sind genau so nützlich wie dämlich, je nach dem, von welcher Seite man sie gerade betrachtet. Ich werde das, was ich jetzt schreibe, auf meiner Internetseite unter den Kurzgeschichten einordnen, weil ich in nächster Zeit nicht vorhabe, eine Kategorie Kolumnen einzuführen. Die geneigte Leserin wird im Verlaufe dieser Geschichte, die eigentlich eine Kolumne ist, den Grund dafür herausfinden. Der geneigte Leser ist dafür entweder zu unsensibel oder mag sich ausnahmsweise durch die weiblichen Form mit angesprochen fühlen. Gender Mainstreaming olé!

Die Geschichte, die eigentlich eine Kolumne ist

Haben Sie schon einmal erlebt, wie Ihr schlechtes Gewissen durch Gegenstände zu Ihnen spricht? Mir ist das neulich zum ersten Mal passiert, und jetzt komme ich nicht davon los. Angefangen hat alles mit dem Schreibtisch in meinem Büro. Der schrie mich quasi an: Räum mich auf! Schreibtische müssen eine Art metaphysische Verbindung zueinander haben, den kaum zu Hause angekommen, hatte der Schreibtisch in meinem Wohnzimmer denselben Wunsch. Wenn ich es recht überlege, es ist wohl so eine Sache unter Tischen, denn sowohl Wohnzimmertisch als auch Küchentisch schlossen sich dem Wunsch an. Das Verlangen nach Ordnung scheint sich bei Tischen umgekehrt proportional gegenüber meiner Bereitschaft aufzuräumen zu verhalten. Außerdem breitet es sich virulent von den Einrichtungsgegenständen auf ganze Räume aus.

Um uns mal wieder in die Realität zurück zu holen, möchte ich hier erwähnen, dass das natürlich an der begrenzten Kapazität der Einrichtungsgegenstände liegt. Wenn der Tisch voll ist, muss das, was man als nächstes auf ihn legen wollte, ja irgendwo anders hin. Nicht nur der Ordnungswunsch ist virulent, auch die Unordnung. Die Heilung scheint genau so simpel wie nahe liegend: Aufräumen. Soweit ich mich erinnern kann, hat das bisher immer geholfen. Jedoch ist die schöne Erfahrung eines aufgeräumten Tisches oder gar Raumes höchst vergänglich, hingegen die Erinnerung an die Mühen des Aufräumens bleibend präsent. Gute Medizin ist und bleibt bitter.

Und so werkelt man an den Symptomen rum. Warum auch mehr tun, ein schlecht aufgeräumter Schreibtisch stellt ein recht geringes Gesundheitsrisiko dar. Schlecht aufgeräumte Räume übrigens auch, wenn man sich an einige Grundregeln hält. Die wichtigste lautet: Dinge, die im Weg liegen, müssen so leicht sein, dass sie nachgeben, wenn man davor stößt. Neulich lag mein großer Wanderrucksack im Weg und ich stand vor der Alternative wegräumen oder drübersteigen. Wenn ich ihn sofort weggeräumt hätte, hätte ich mir die Möglichkeit genommen, zu erfahren, wie es ist, wenn man drübersteigt. Also, erst mal drübergestiegen, die Erfahrung aufgesogen (war gar nicht übel) und weiter gemacht. Mit was auch immer. Erstaunlich am menschlichen Gehirn ist, dass es fähig ist, in den Zehntelsekunden vom Wahrnehmen des Gegenstandes bis zur Handlung die Umstände dieser Entscheidung zu erfassen und abzuwägen und gleichzeitig die Freude über die Entscheidung und der daraus resultierenden Erfahrung zu vermitteln. Ich bin begeistert.

Einige Zeit später habe ich den Rucksack dann ausgeräumt, mit Inhalt war er zu schwer und zu unnachgiebig. Diese Aktion gab mir dann die Möglichkeit, ihn zur Seite zu stoßen und noch einige Zeit liegen zu lassen. Weil mit zunehmender Zeit die Wahrscheinlichkeit steigt, statt vor auf den Rucksack zu treten und ihn gar zu beschädigen, liegt er jetzt da, wo er hingehört.

Damit ich nicht ganz im Chaos versinke, fertige ich dann und wann To-Do-Listen an. Das brachte mich jüngst auf die Idee, meinen Aufgaben Namen zu geben. Wie es dazu gekommen ist? Eine Aufgabe war, Angelika anzurufen, und da liegt es natürlich nahe, kurz Angelika auf die Liste zu schreiben, vor allem dann, wenn man Angelika nicht anrufen kann, während man die Liste erstellt. Gut für Angelika, dass ihr Name schon für das Telefonat vergeben war, sonst hätte er vielleicht für das Fensterputzen herhalten müssen. Naja, als Frauenname natürlich schon eher nicht, zweites olé fürs Gender Mainstreaming. Das Fensterputzen heißt seitdem Rüdiger und Rüdiger fühlt sich seitdem höchst vernachlässigt. Rüdiger ist aber auch selbst schuld, er repräsentiert halt eine Aufgabe, für die fast jedes Wetter eine Ausrede bietet. Fensterputzen und strahlender Sonnenschein passen gar nicht zusammen, jedes Kind weiß das. Während des Regens verbietet sich ebenso selbstverständlich. Vor dem Regen muss man fürchten, dass die Fenster gleich wieder dreckig werden und nach dem Regen ist vor dem Regen. Rüdiger ist echt arm dran.

Um einiges besser geht es zur Zeit Marie. Keine weitere Aufgabe, so heißt meine Gitarre. Meine erste Gitarrenlehrerin hat uns aufgetragen, unseren Instrumenten Namen zu geben. So wird die Beziehung zum Instrument enger, dass man es nicht vernachlässigen mag und es regelmäßig zum Üben in die Hand nimmt. Dieser pädagogische Trick hat bei Rüdiger noch keine Wirkung gezeigt. Jetzt mag jemand kritisch einwenden, dass ich absichtlich einen weniger attraktiven Namen für eine weniger attraktive Aufgabe gewählt habe. Ich kenne da ein Gegenbeispiel. Meine erste Gitarre hieß nämlich Quasimodo, weil ich zu der Zeit gerade den Glöckner von Notre Dame gelesen hatte. Und meine Beziehung zu Quasimodo hat mir tatsächlich einige Kenntnisse des Gitarrenspiels vermittelt. Meine E-Gitarre habe ich dann Esmeralda genannt, schließlich haben Gegenstände, die eine weibliche Form haben, auch einen weiblichen Namen verdient. Und hier strecke ich zum ersten Mal in dieser Geschichte, die eigentlich eine Kolumne ist, dem Gender Mainstreaming die Zunge raus: Bäh! Marie ist meine dritte Gitarre, und weil ich zur Zeit die Lagerfeuerlieder für das nächste Zeltlager übe, klingt sie sehr fröhlich und ich nehme mal an, dass sie sich auch so fühlt.

Ich habe nicht nur aufgrund der schlechten Erfahrungen mit Rüdiger darauf verzichtet, weitere Namen für Aufgaben zu verteilen. Stelle sich einer vor, die Traumfrau kommt vorbei und stellt sich mit dem Namen vor, den das Toilettenputzen erhalten hat. Das könnte man natürlich mit der Vergabe eines Männernamens versuchen, schon im Voraus zu verhindern, aber wenn Murphys Gesetz noch gilt, muss man beim Anreden des neuen Vorgesetzten dann immer an seine Kloschüssel denken. Meine Vermutung wäre, dass sich das ungünstig auf das Arbeitsverhältnis auswirken könnte. Die Vergabe von Namen hilft bei der Erledigung von Aufgaben auch nicht wirklich. Es hilft vor allem, einfach mal anzufangen. Halb fertiges lässt niemand gerne rumliegen. Das Schreiben dieser Geschichte, die eigentlich eine Kolumne ist, habe ich zum Beispiel so begonnen und werde es gleich zum Abschluss bringen. Und der Titel hat die Bezeichnung Name nun wirklich nicht verdient. Wer heißt denn schon so, aber eigentlich anders? Lange Rede, kurzer Sinn: Es besteht noch Hoffnung, selbst für meinen Schreibtisch.

© Philipp Pulger (07/09)


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