Der alte Mann im Park

von Philipp Pulger


Als sie in ihrer Mittagspause den Weg durch den Park nahm, langsam schlendernd, meinte sie zu spüren, wie sich Menschen und Natur den Sonnenstrahlen entgegen streckten. Es war der erste richtige Frühlingstag. Die Sonne hatte den Geruch des Regens der letzten Wochen noch nicht ganz verdrängt, aber sie entfaltete langsam ihre Kraft. Ein Frühlingslied aus ihrer Schulzeit kam ihr in den Sinn, doch sie verzichtete darauf, es laut zu pfeifen. Lieber ließ sie die Melodie durch ihren Kopf kreisen.

Sie stutzte. Auf der Bank, die sie sich auf dem Hinweg ausgesucht hatte, saß ein alter Mann. Er hatte die Augen geschlossen, war in sich gesunken, fast zusammen gefallen, wie tot. Etwas zögernd ging sie auf die Bank zu und setzte sich neben ihn. Er trug einen altmodischen Hut und einen braunen Anzug. "Geht es ihnen gut?" fragte sie und nahm seine Hand. So kalt. Er reagierte nicht. Sorgenvoll sah sie in sein Gesicht. Dann drückte er zu. Entsetzt zog sie ihre Hand zurück. So ruckartig, dass sie sie auf die Rückenlehne der Bank schlug. Sie hatte seinen Griff viel fester vernommen, als er eigentlich war. "Entschuldigen sie bitte, ich war überrascht, dass so unvermittelt jemand meine Hand hielt, da habe ich zugedrückt", sagte er und lächelte. "Geht es ihnen gut?" wiederholte sie ihre Frage, "sie haben so zusammen gesunken hier gesessen, da habe ich mir Sorgen gemacht." Er lächelte noch. "Ja, mir geht es gut. Danke. Ich muss wohl eingeschlafen sein." Jetzt nahm sie seine Hand in ihre beiden Hände. "Ihre Hand ist so kalt." - "Ihre Hände sind warm", sagte er und umschloss sie mit seiner anderen Hand. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander.

"Ich muss jetzt los", sagte sie schließlich. "Danke, dass sie sich die Zeit genommen haben. Auf Wiedersehen", sagte der Mann zum Abschied und hob leicht seinen Hut. So unmerklich, dass sie sich gar nicht sicher war, ob er es überhaupt getan hatte. Aber er hatte die Hand am Hut und dabei ihre Hände frei gegeben. So stand sie auf und erwiderte zum Abschied sein Lächeln.

"Hast du aber kalte Hände", sagte ihr Kollege, als sie ihm zur Begrüßung die Hand gab. Seine Schicht begann erst nach der Mittagspause. "Wirklich?" fragte sie, blickte ihn erstaunt an und dachte dabei an die kalten Hände des Mannes im Park zurück. Als sie gegangen war, fühlten sich seine Hände wesentlich wärmer an. Und jetzt waren ihre Hände kalt. Seltsam.

Am nächsten Tag ging sie in der Mittagspause wieder durch den Park. Diesmal saß der alte Mann schon auf ihrem Hinweg auf der Bank. Vielleicht hatte sie ihn aber am Vortag einfach erst auf dem Rückweg bemerkt. Sie nickte ihm zur Begrüßung freundlich zu. Wie bei ihrem letzten Abschied hob er fast unmerklich seinen Hut und lächelte dabei. Sie lächelte zurück, ging aber weiter, um im Bistro an der anderen Seite des Parks zu Mittag zu essen. Als sie vom Essen zurück kam, saß der alte Mann noch auf der Bank. Als er sie sah, lächelte er, verzichtete aber darauf, seinen Hut erneut zu heben. Unwillkürlich setzte sie sich neben ihn und nahm wie selbstverständlich seine Hände in ihre Hände. "Guten Tag. Schön, dass sie hier sind", sagte der Mann. Sie wandte sich ihm zu, sah in freundlich an und nickte, sagte aber nichts. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander.

Als sie ging, schien sein Blick zu sagen: "Bleiben sie noch ein wenig!" Aber nein, das bildete sie sich nur ein. Sie schüttelte nur innerlich den Kopf und fragte sich beim Abschied erneut, ob der Mann seinen Hut wirklich anhob oder ihn nur antippte. Als sich ihr Kollege wieder über ihre kalten Hände beschwerte, sagte sie: "Du entwickelst dich zu einer richtigen Mimose!" und lachte ihm frech ins Gesicht.

Die Mittagspausen in den nächsten Tagen entwickelten eine gewisse Regelmäßigkeit. Auf dem Hinweg zum Essen nickte sie dem alten Mann zu, dann setzte sie sich auf dem Rückweg zu ihm und hielt seine Hände. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bis sie sich verabschiedete, um wieder zur Arbeit zu gehen. Ihr Kollege, den sie nach der Mittagspause ebenso regelmäßig begrüßte, schien buchstäblich zu zittern, wenn sie ihm die Hand gab, kommentierte ihre kalten Hände aber nicht mehr, das hatte sie ihm mit ihrer Bemerkung ausgetrieben.

An diesem Tag regnete es. In der Mittagspause ging sie wieder durch den Park. Sie hatte einen großen roten Schirm dabei, der nicht nur ihr sondern auch noch zwei anderen Personen Schutz vor dem Regen geboten hätte. Sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn der Regen unter dem Schirm durch auf ihre Kleidung tropfte und sie so durch feuchte Hosen und den Wind kalte Beine bekam. Daher trug sie einen so großen Schirm. Ihre Bank war leer. Sie blieb einen Moment davor stehen, ging dann weiter zu ihrem Bistro. Sie aß ein Baguette mit Parmaschinken und Rucolasalat. Dazu trank sie einen Apfeltee. Dann ging sie zurück durch den Park. Ihre Bank blieb leer. Natürlich, es regnete ja ununterbrochen.

Der Regen blieb eine ganze Woche lang. Jeden Tag nahm sie in der Mittagspause ihren großen roten Schirm und ging durch den Park zu ihrem Bistro. Ihre Bank blieb leer. Jetzt immer auf dem Rückweg blieb sie einen Moment stehen und starrte fast auf ihre leere Bank. Sie kannte noch nicht einmal den Namen des alten Mannes. Sie wusste nicht, wo er wohnte. Sie wusste nicht, ob es ihm gut ging. Sie machte sich Sorgen.

Als der Regen ging, freute sie sich auf die Sonne. Noch war es dicht bewölkt und auch etwas kalt. Nur ab und zu schafften es ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, um ihre Nase zu kitzeln. Mit heiteren Schritten ging sie durch den Park. Sie stutzte. Ihre Bank war leer. Sie sah sich um. Was hatte sie erwartet? Es war ja noch kalt, die Bank bestimmt noch feucht vom Regen der letzten Tage. Langsam ging sie weiter zum Bistro. Sie bestellte Spaghetti Carbonara, hatte aber keinen richtigen Hunger. Etwas lustlos drehte sie die Nudeln um die Gabel, ärgerte sich, dass sie sich zu einem großen Klumpen entwickelten, den sie unmöglich in ihren Mund stecken konnte. Sie zerschnitt die Nudeln mit dem Messer. Jetzt fielen sie von der Gabel. Blöd. Sie trank noch einen Schluck Wasser, ließ die Nudeln stehen, bezahlte und ging zurück durch den Park.

Sie sah den alten Mann schon von weitem. Sie winkte ihm zu, doch sie war wohl noch zu weit weg. Er bemerkte sie nicht, zumindest reagierte er nicht. Als sie näher gekommen war, sah er auf und lächelte. "Ich dachte schon, sie kommen heute nicht. Ich sehe sie doch sonst immer schon auf ihrem Hinweg. Kommen sie, setzten sie sich zu mir!" Jetzt erst fiel ihr auf, dass sie ihre Mittagspause eine Viertelstunde früher als gewöhnlich begonnen hatte. So hatte sie den alten Mann auf dem Hinweg verpasst. Sie folgte seiner Aufforderung, setzte sich zu ihm und nahm wie selbstverständlich seine Hände in ihre Hände. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander.

"Wie heißen sie eigentlich?" fragte sie den alten Mann, kurz bevor sie gehen wollte. "Reinhardt" war die Antwort. Wohl sein Nachname? "Und wohnen sie hier in der Nähe?" - "Ja, in dem großen Jugendstilhaus gleich gegenüber vom Eingang des Parks." Noch immer hielt sie seine Hände. Sie drückte sie zum Abschied sanft, erwiderte das Lächeln des alten Mannes, stand auf und ging, ohne sich umzusehen. So sah sie nicht, wie der alte Mann hinter ihr wie gewöhnlich seinen Hut leicht anhob. "Das ist schon komisch. Als es die ganze Zeit geregnet hat, hattest du immer angenehm warme Hände. Jetzt kommt die Sonne raus und es wird wärmer und deine Hände fühlen sich an, als hättest du sie in Eiswasser gehalten." Sie sah ihren Kollegen nur fragend an. Er übertrieb natürlich maßlos, aber er hatte Recht. Ihre Hände waren wirklich kalt und das war seltsam.

Am nächsten Tag begleitete sie ihr Kollege zum Mittagessen. Wie gewohnt nickte sie dem alten Mann zur Begrüßung zu, was ihr Kollege entweder nicht bemerkte oder ignorierte. Sie aß einen Salat und etwas Brot, während sie versuchte, dem belanglosen Gerede ihres Kollegen einen Sinn abzugewinnen. Es gelang ihr nicht und so ließ sie ihre Gedanken kreisen. Ihr Kollege zahlte und sie gingen gemeinsam zurück durch den Park. Wie selbstverständlich und als ob ihr Kollege nicht dabei wäre, setzte sie sich dann neben den alten Mann und nahm seine Hände in ihre Hände. Ihr Kollege wusste nichts Besseres als sie dumm anzusehen und sich neben das seltsame Pärchen auf die Bank zu setzen. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Schließlich verabschiedete sie sich mit dem gewohnten Ritual von dem alten Mann. Ihr Kollege blieb einen Moment länger auf der Bank sitzen und sah den alten Mann verdutzt von der Seite an, was dieser entweder nicht bemerkte oder ignorierte. "So verbringst du also deine Mittagspause", bemerkte er, nachdem sie einige Schritte gegangen waren. Sie antwortete mit einem leichten Schulterzucken und fixierte dann seinen Blick, bis er wegsah. "Gib mir mal deine Hand", sagte er plötzlich. Sie gab ihm die Hand. "Kalt", sagte er in einem Tonfall, als ob er gerade die größte Entdeckung des Jahrzehnts gemacht hätte. Wieder fixierte sie seinen Blick. Diesmal hielt er stand. "Der alte Mann entzieht dir deine Körperwärme. Pass auf, dass er dir nicht auch die Lebenskraft raubt." Er grinste sie an in der Erwartung, dass sie mit lachte. Sie wandte nur ihren Blick ab. Seltsam.

So ging sie weiterhin in ihrer Mittagspause durch den Park. Nach dem Essen setzte sie sich zu dem alten Mann auf die Bank und hielt seine Hände. Manchmal, wenn sie nach der Mittagspause allein am Schreibtisch saß, und sich in ihrem Kopf ausmalte, wie ihr täglicher Gang durch den Park und der Aufenthalt mit dem alten Mann auf der Bank in einem Film aussehen würden, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Unheimlich fast. Sie lenkte ihre Gedanken dann darauf, wie es zu dieser Gewohnheit gekommen war. Sie konnte sich genau an den Tag im Frühling erinnern, als sie den alten Mann zum ersten Mal bemerkt hatte. Wie er da gesessen hatte, schlafend, in sich gefallen, wie tot. Wie sie erschrocken war, als er ihre Hand drückte. Der leichte Schmerz, als ihre Hand gegen die Rückenlehne der Bank schlug. Sie erinnerte sich auch, was sie fühlte, warum sie zum ersten Mal seine Hand nahm. Eine Spur von Neugier. Eine Spur von einem inneren Drang, dem sie nicht widerstehen konnte. Eine Spur des Gefühls, dass das, was sie da tat, richtig war? Selbst wenn nicht, sie hätte sich nicht gegen diesen seltsamen Drang wehren können. So ging sie weiterhin in ihrer Mittagspause durch den Park. Manchmal redete sie mit dem alten Mann über dies und das, während sie seine Hände hielt. Doch meistens saßen sie einfach nur eine ganze Weile schweigend nebeneinander.

An diesem Tag war etwas anders. Sie saß noch nicht lange neben dem alten Mann auf der Bank, seine Hände in ihren Händen, da kam ihr das Gefühl, dass irgendetwas anders war. Sie sah den alten Mann an. Er saß da, ganz ruhig, wie immer. Sie sah sich um. Die ersten Blätter fielen von den Bäumen. Doch das war für die Jahreszeit normal. Fast hatte sie das Gefühl, als fielen die Blätter dieses Jahr später als sonst. Seltsam. Sie inspizierte aufmerksam die Umgebung. Noch einmal sah sie den alten Mann an. Alles schien wie gewohnt, doch irgendetwas war anders. Plötzlich bemerkte sie, wie ihre Hände zitterten. Sie ließ die Hände des alten Mannes los und zog ihre Hände ruckartig zurück. Der alte Mann schien überrascht. "Was haben sie?" fragte er fast entsetzt. "Sie mit ihrer Kälte - ihren kalten Händen meine ich. Sie entziehen mir derart die Wärme, dass ich zittern muss." Vorwurfsvoll hielt sie ihm dabei ihre Hände ins Gesicht. "Aber nein", sagte der alte Mann fast ängstlich, "sie zittern gar nicht, das bin ich. Halten sie meine Hände etwas fester, dann hört das Zittern auf." Sie schaute auf seine Hände, die er ihr entgegen hielt. Sie zitterten. Ihre Hände zitterten hingegen nicht. Sie wusste nicht, ob sie dem alten Mann trauen konnte. Doch sie konnte seinem flehentlichen Blick nicht widerstehen. Daher nahm sie seine Hände wieder in ihre Hände und hielt sie etwas fester. Das Zittern hörte auf. So saßen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander.

Heute blieb sie einige Schritte vor der Bank stehen. Der alte Mann sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. Seine Augen wirkten starr wie die eines Untoten. Sie stand da, musterte den Mann und versuchte seinen Blick zu deuten. Er bewegte leicht die Lippen. Die Worte aus seinem Mund erreichten ihre Ohren nicht, doch was er sagte, kam auch so bei ihr an. "Kommen sie doch. Setzen sie sich." Sein Blick flehentlich. Sie wollte ihm nicht nachgeben. Sie blieb stehen. Langsam stand der alte Mann auf und ging auf sie zu. Sie wollte sich umdrehen und wegrennen. Sie konnte nicht, sie blieb stehen. Sie konnte ihrem Fluchtreflex nicht nachgeben und fing an, zu zittern. Der alte Mann brauchte eine ganze Weile für die paar Schritte bis er vor ihr stand, doch ihr kam es vor, als hätte er sofort vor ihr gestanden, nachdem er aufgestanden war. Als der alte Mann ihre Hände nahm, hörte das Zittern auf. So standen sie still voreinander. Sie spürte, wie sie langsam ihre Körperwärme an die Hände des alten Mannes abgab. Sie wollte ihre Hände zurück ziehen, doch sie konnte nicht. Der alte Mann hielt ihre Hände nur sanft, dennoch fand sie nicht die Kraft, sich im zu entziehen. Das Zittern kam wieder. Sie wusste nicht, ob es von ihr oder vom alten Mann ausging. Unwillkürlich drückte sie die Hände des alten Mannes fester. Er erwiderte ihren Druck. Das Zittern hörte nicht auf. Das sollte aufhören. Sie wollte weg. Das Zittern hörte nicht auf. Sie konnte nicht. Plötzlich ließ der alte Mann ihre Hände los und legte seine Arme um sie. Sie wollte sich losreißen. Sie wollte weg. Sie wollte um sich schlagen. Sie konnte nicht. Sie war wie erstarrt. Der alte Mann drückte sie. Sie spürte sein Gewicht, eine eigenartige Kraft. Das dumpfe Gefühl aus ihrer Magengegend kroch langsam ihr Rückgrat hoch und explodierte in ihrem Kopf. Kalte Angst. Panik. Langsam ließ der Druck nach. Sie spürte kaum noch etwas. Sollte es das gewesen sein? Der alte Mann sackte zusammen und fiel neben ihr auf den Boden. Sie stand eine Weile regungslos da. Dann kniete sie sich vor den alten Mann und fühlte seinen Puls. Sie nahm seine Hände und presste sie auf ihre Wangen. So wärmte sie ein letztes Mal die Hände des alten Mannes - unterstützt von den letzten Strahlen der tiefstehenden Herbstsonne und ihren Tränen.

© Philipp Pulger (12/09)


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